Teamcheffe” Dirk Pasedag in einem kurzen Statement
dazu:
Im letzten Jahr noch als Zuschauer in Torgau dabei,
wollten wir es in diesem Jahr wissen und haben für das dritte
24-Stunden-Enduro genannt.
Nach unzähligen Stunden der Vorbereitungen, welche zwischen
Herrentag und dem Pfingstwochenende ihren Höhepunkt erreichten,
machten wir uns am Freitag früh im Konvoi auf nach Langensteinbach.
Die Verlegung vom ursprünglich geplanten Austragungsort am
Gut Priefel bei Altenburg nach LSB wurde sehr kurzfristig nötig,
da bereits erteilte Geländenutzungszusagen aufgrund einer
Spitzfindigkeit in einer EU-Richtlinie zurückgezogen wurden
( Quelle: E- Day- Bericht auf www.baboons.de ).
Der Veranstalter, das Neubert- Racing- Team um Nicky Neubert,
stand somit vor der scheinbar unmöglichen Aufgabe, mit diesem
riesigen Event innerhalb von drei Wochen komplett umzuziehen -
inklusive aller nötigen Genehmigungen und Infrastruktur.
Wir waren auf unserer Reise gen Süden also sehr gespannt,
ob alles so klappen würde, wie erhofft.
Die 500 km Tour verlief ohne weitere Probleme und wir kamen kurz
nach dem Mittag in der Zielgegend an, machten uns in Penig (dem
letzten Ort vor dem Endurogelände in LSB) auf die Suche nach
einem Bäckerladen, bei dem wir uns mit frischen Brötchen
eindecken konnten und waren guter Dinge. Auf dem Weg durch die
kurvigen und nicht wirklich ebenen Stadtsträßchen,
auf denen die Bodenfreiheit von Jans Wohnwagen das ein oder andere
Mal ausgereizt wurde, wunderten wir uns über die erstaunten
Blicke zweier am Straßenrand stehender 16jähriger,
die unserem Tross mit aufgerissenen Mündern hinterher starrten,
ihre gerade ausgeführten Tätigkeiten völlig vergessend.
"Hatten die noch nie Enduros und die dazu passenden Anhänger
an den bunt beklebten Transportern gesehen?" - sehr verwunderlich
ob der Tatsache, dass der Endurance Day schon zum zweiten Mal
in ihrer Heimat statt findet. Auf einem Netto-Parkplatz angekommen,
überraschte es uns dann auch nicht sonderlich, dass die beiden
uns mit ihrem Moped gefolgt waren und mit unveränderten Blicken
vor dem Motorrad-Anhänger standen. Der nächste Schritt
lag dann auch nahe: sie drängten sich förmlich auf,
uns zum Veranstaltungsort zu führen. Obwohl wir nur noch
vier bis fünf Kilometer entfernt waren und eigentlich genau
wussten, wo es hingeht, willigten wir ein
- man soll die Begeisterung der Jugend ja auch nicht bremsen.
:o)
Als wir dann nach rechts ins Gelände einbogen, eröffnete
sich die Sicht auf das Fahrerlager oder besser Fahrerlagerchen
- ein von einem schmalen Wiesenstreifen umgebener Schotterplatz,
auf dem wir schon 26 Stunden vor Rennbeginn Probleme hatten, eine
Stelle zu finden, die ohne Pfütze und für den Zeltaufbau
mit Gras bewachsen ist. Geschuldet war dies nicht zuletzt auch
dem Umstand, dass die wenigen Teams, die bereits vor uns dort
waren, nicht unerhebliche Teile des Platzes mit Trassierband für
später anreisende Kumpanen reserviert hatten.
Wie gesagt, es war nicht trivial, aber wir fanden eine Stelle
- zwar mit eigenem kleinen "Teich" aber immerhin an
der Wiesenkante. Wie es unter Vermeidung des Ölsardinen-Effekts
zu bewerkstelligen sein sollte, dort alle Teams unterzubringen,
war uns allerdings ein Rätsel - der Veranstalter eröffnete
aber nach und nach immer mehr Ecken als Fahrerlager, so dass am
Ende wirklich jeder Winkel des Betonwerkes mit begeisterten Enduristen
und ihren Helfern besiedelt war. Das Wörtchen "besiedelt"
trifft es auch ganz gut, denn was einige Teams dort auffuhren,
ließ die Vermutung aufkommen, sie wollten die ganze Saison
in Langensteinbach verbringen. Das galt nicht nur für die
Zeltburgen im Fahrerlager sondern ebenso für die Boxen. So
mussten sich die "normalen" Teams wie wir in drei Meter
breiten, durch Baugitter abgegrenzten Parzellen arrangieren, während
sich etwas besser Betuchte mit ihren Race-Trucks gleich hinter
fünf bis sechs solcher Boxen ausbreiten konnten. Egal - klein
aber fein haben wir uns aufgrund unserer zeitigen Anreise eine
Box mit ausreichend Platz nach hinten raus sichern können,
damit wenigstens Jans Transporter als Werkstatt-, Umkleide-, Ruhe-
und Sachentrocknungs-Wagen dort stehen konnte.
Das Basislager war schnell eingerichtet und die Box erstmal mit
meinem Peugeot blockiert/reserviert, da uns die Neugier in Richtung
Strecke trieb. Anhand der Pfützen im Fahrerlager hätten
wir zwar schon einiges erahnen können, als wir uns aber den
ersten kleineren Auf- und Abfahrten näherten, staunten wir
nicht schlecht - überall wo man hintrat nur total quatschiger
Lehm- und Tonboden - nicht zu erkennen, wo er weich und tief oder
fest ist. Die Strecke wurde mit einer Raupe in die Botanik geschoben,
vorbei an mehreren kleinen Tümpeln, deren Wasserspiegel bis
direkt an den Streckenrand reichte - sogar zwischen zwei Weihern
auf einem drei Meter breiten Damm war der Kurs abgeändert
(Von Damm kann man eigentlich gar nicht sprechen, es war eher
ein gerade noch nicht überfluteter Weg). In unseren Breiten
hätte man ohne schlechtes Gewissen nicht mal ein 3-Stunden-Enduro
dort entlang gelegt, zumal einige Streckenabschnitte auch nur
aus einer sich durch Bäume, entlang einer Böschung schlängelnden
Spur bestanden und teilweise auch noch die Rillen der Veranstaltung
des vorletzten Jahres vorhanden waren. Wie sollten dort 150 Teams
über 24 Stunden durch kommen, ohne ihre Maschinen tragen
zu müssen oder sie gnadenlos zu versenken. Ich muss zugeben,
dass die Stimmung im Team beim Anblick der Wasser- und Schlammlöcher
leicht sank und selbst die Optimisten unter uns nicht so richtig
glauben konnten, dass man dort ohne Führung durch höhere
Gewalten heil durchkommen würde.
Nur einer ließ sich nicht beirren und versuchte uns vor
dem bodenlosen Absturz in die "Das ist doch alles nicht befahrbar"-
Depression zu bewahren - Jörg, der immer wieder bekräftigte,
dass die Runde doch für alle gleich sei und sich jeder quälen
werden muss.
Wir haben die Begehung dann erstmal abgebrochen, denn mit leerem
Magen neigt man sehr schnell dazu, alles etwas schwärzer
zu sehen, als es eigentlich der Fall ist. Außerdem war ja
die Box noch nicht hergerichtet, ich hatte noch einen Reifen zu
wechseln ( Mein Vorhaben, eventuell mit dem Enduro- Comp III zu
fahren, der bereits seit dem erstem LM-Lauf in Kölzin drauf
ist, hab' ich nämlich ganz schnell ad acta gelegt ) :o) ,
der Grill musste angeheizt werden und das ein oder andere Pils
wartete auf die Befreiung aus seinem gläsernen Käfig.
Nach dem Genuss von nicht zu vernachlässigenden Mengen gegrillten
Fleisches, welches dann noch sozusagen post cenam in ausreichend
Gerstensaft eingelegt wurde, machte sich eine Hälfte unseres
Teams auf den Weg zu einer ausführlichen Streckenbesichtigung.
Ich wechselte währenddessen meinen Hinterreifen, was mir
erstaunlich zügig gelang - das lag wohl an der außergewöhnlichen
Atmosphäre dort. Nach zwei bis drei Stunden Fußmarsch
kam der Spähtrupp mit lehmbesohltem Schuhwerk, gelb-braun
umgefärbten Hosenbeinen und nichts Gutes verheißenden
Gesichtsausdrücken wieder in die Basis zurück. Wir hatten
bei unserem ersten kleinen Abstecher in die "Arena"
tatsächlich nur die Pille- Palle- Abschnitte der Strecke
gesehen. Im hinteren Teil reihten sich Auffahrten, die auch ohne
das Vorhandensein von feuchtem Lehm und Ton recht anspruchsvoll
zu sein schienen, an Abfahrten, die man mit gefühlvoll gezogenen
Bremsen nur runter rutschen konnte - an fahren war nicht zu denken
- dazwischen war oft nicht Mal Raum zum Schwung holen, sprich:
runter - Kurve - hoch. Als ob das nicht schon ausreichen würde,
sollten sich diese im Verlauf des Rennens noch mächtig ausfahren,
sodass sie zu allem Überfluss mit 30 bis 40 cm hohen Steilstufen
gespickt waren, was speziell in der Nacht einigen Fahrern den
Angstschweiß auf die Stirn trieb, weshalb sie an der oberen
Kante stehen blieben - während ihr Team in der Box vergeblich
wartete - und zusahen, wie andere kopfüber in ihrer Maschine
hängend, teilweise in Purzelbäumen den Hang hinunter
stürzten. Aber dazu später mehr - ich möchte nicht
die Chronologie meines Berichtes unterbrechen.
Nach diesen Streckenzustandsberichten begann die Stimmung bereits
wieder abzusacken. Durch den Genuss weiterer Hopfen-Kaltgetränke
aus allen Ecken Deutschlands konnte das Stimmungsbarometer aber
umgehend wieder in ein erheiterndes Gleichgewicht gebracht werden.
So klang der Abend des Anreisetages ganz ruhig aus und wir begaben
uns ohne weitere Sorgen über die Machbarkeit des Rennens
in unsere Schlafsäcke.
Nach einem ausgiebigen Samstagsfrühstück wurden dann
alle Sachen für's Rennen sortiert und der Peugeot in der
Box gegen den Transporter ausgetauscht, der Zettelkram der Papierabnahme
erledigt und die Motorräder zur technischen Abnahme gefahren
- alles verlief ohne jegliche Reibereien. Hatten wir morgens noch
gedacht, dass es bis 17°° Uhr viel zu viel Zeit ist und
man dann wahrscheinlich irgendwo total aufgeregt und nervös
rumhockt, erkannten wir schnell, dass sich der Termin für
die Fahrerbesprechung und somit auch der Rennstart wie im Fluge
näherten.
Für die zweite Mahlzeit am Tag musste sich aber noch Zeit
finden lassen - unsere Crew bereitete uns als Energiespender für
die ersten Rennstunden ein kohlehydratreiches Mahl aus Spaghetti
und Tomatensauce - wir haben zwar nicht mehr sehr viel davon runter
gebracht, aber zumindest war das Hungergefühl beseitigt,
das gepaart mit der nicht zu verdrängenden Aufregung schnell
zu Unbehagen führen kann. Nach außen hin waren zwar
alle noch relaxt, doch völlig unterdrücken ließ
sich die Anspannung nicht mehr. Speziell unser Startfahrer Paul
kaute schon beim Frühstück etwas schwer an seinem Käse-Brötchen
und neben den roten Stellen im Gesicht machten sich mehr und mehr
kreidebleiche Flächen breit.
Die letzten Vorbereitungen wurden langsam abgeschlossen und die
Maschinen sollten nun endlich in die Box gebracht werden. Ich
bin schon nicht mehr durch die Menschenmassen durchgekommen, die
sich auf der Boxenstraße zur Fahrerbesprechung wälzten
und lauschte dieser dann auf meiner Husky sitzend – war
auch ganz angenehm.
Die einleitenden Worte von Nicky Neubert nach der Begrüßung
waren: "Leute ich kann's euch sagen, der Regen wird kommen
..." - als Reaktion sah man viele Unterkiefer nach unten
klappen, Mundwinkel sinken und hier und da ein verzweifeltes Kopfschütteln
- alle wussten, was sie erwartet - egal was, jedenfalls keine
leichte Veranstaltung.
Es wurde klipp und klar gesagt, dass trotz dieser Tatsache das
Rennen auf keinen Fall abgebrochen werden würde, ganz gleich,
wie schwer die Runde durch die Wetterbedingungen zu werden droht.
Den Teams wurde aber auch versichert, dass die Streckenführung
jederzeit und recht flexibel durch das Herausnehmen der schwierigen
oder besser völlig unfahrbaren Passagen den Gegebenheiten
angepasst werden kann.
Viel Zeit war jetzt nicht mehr bis zum Count- Down – Paul
hatte schon seine Rennkluft an und seine Maschine sollte zum Vorstart
gebracht werden – da kam noch mal kurzzeitig Stress auf.
Wir hatten noch eine ganze Autoladung voll Sachen, die vom Fahrerlager
in die Box mussten – leider wurde Chacco mit meinem Peugeot
nicht mehr durch gelassen, und wir hatten den ganzen Kram per
Hand hinzuschleppen – zum Glück war’s nicht all
zu weit.
Dann war die Zeit ran – auch der Rest des Teams begab sich
in’s Infield, um den Start verfolgen zu können. Die
Kampfmaschinen standen bereits sauber nach Nummern sortiert in
zwei mit den Hecks zueinander gerichteten Reihen für den
Le-Mans-Start bereit.
Dann wurde es still – der bis dahin recht kräftig wehende
Wind schien abzuflauen, die Gespräche unter den Zuschauern
verstummten mehr und mehr, selbst die Vögel hielten scheinbar
die Luft an. Die Fahrer, welche in etwa 20 Metern Entfernung mit
den Rücken zu ihren Maschinen Aufstellung genommen hatten,
waren bis auf’s äußerste angespannt – einige
zupften nervös an ihren Fahrershirts und Hosen rum, andere
rückten unentwegt ihre Brillen immer wieder von neuem zurecht
oder machten fortwährend kleine Lockerungsübungen. Zwei
Streckenposten schritten noch einmal die Startaufstellung ab,
wiesen Zuschauer zurück, die sich noch im Streckenbereich
befanden, richteten die angetretenen Fahrer an einer imaginären
Linie aus und versuchten, alles so gut es ging im Blick zu haben.
Im Hintergrund sah man einen Helfer, der offensichtlich das Startsignal
zu geben bereit war – er hielt die Tröte allerdings
nicht hoch, als würde er sie in den nächsten Sekunden
benutzen wollen, sondern sie lag in der rechten Hand, die unmotiviert
am Oberschenkel herunter hing. Die Minuten verstrichen –
das Warten schien endlos – die Stille wurde langsam erdrückend
– ich hatte vor Aufregung schon einen Kloß im Hals
und hätte auch kein Wort mehr rausgebracht. Dann …
plötzlich ein lauter Knall und Paul reagierte sofort und
sprang los – aber nur einen Schritt weit, bis er bemerkte,
dass es nicht das Startsignal war, sondern ein von einem Zuschauer
gezündeter Böller – wenn ich den erwischt hätte
… – mir wäre fast das Herz stehen geblieben …
Es kehrte abermals Ruhe ein und die Nerven lagen blank –
leise hörte man die Bäume rauschen und sah die einsamen
Schritte des Starthelfers mit der Tröte – er ließ
sich Zeit – ein Blick auf die Uhr verriet, dass es auch
noch nicht ganz 17°° Uhr war – aber jeden Moment
musste es losgehen. Die Fotografen hatten ihre Digi- Cams bereits
im Anschlag und ihnen drohten schon die Arme lahm zu werden, da
wurde die schon fast unerträgliche Stille von einem lauten
und eindringlichen Hupen zerrissen – da war es, das so sehnlich
erwartete Startsignal. Es ging sehr schnell im aufgrollenden Motorenlärm
unter und verkam zu einem kläglichen Quäken. In den
nächsten 20 Sekunden donnerten im Zentimeter-Abstand die
Fahrer an den auf dem Startwall stehenden Zuschauern vorbei. Es
erhob sich langsam eine riesige Staubwolke aus dem Startkessel,
die die Sicht auf einige vernebelte, deren Maschinen nicht gleich
ansprangen. An der ersten Kurve, das wusste jeder im Voraus, würde
es sehr eng werden - so kam es dann auch zum großen Stau
und die Fahrer zwängten sich, den Sandkörnern in einer
Sanduhr gleich, durch diesen Engpass – einige sogar über
den Wall, auf dem sich die Zuschauer drängten, um die besten
Bilder machen zu können. Dann begann die Schlammschlacht
in der ersten Runde und uns blieb nur die Hoffnung, dass es Paul
einigermaßen gut schafft, dem ersten Gewühle sturzfrei
und auch den Staus an den Auf- und Abfahrten zu entgehen. Wir
begaben uns schnellstens zurück in unsere Box, wo ich mich
als zweiter Fahrer sofort bereit machte, um im Fall der Fälle
gleich einspringen zu können. Wie sich herausstellte, war
das aber glücklicherweise nicht nötig – zumindest
nicht vor der vereinbarten Wechselzeit von einer guten Stunde,
in der Paul vier Runden in den Langensteinbacher Schlamm brannte.
In ihrer ersten Runde stießen die Fahrer allerdings auf
ein unerwartetes Hindernis in der Streckenführung –
eine Sackgasse. Es wurde wohl eine Auffahrt herausgenommen und
leider vergessen, die Alternativroute zu öffnen, sodass viele
gezwungen waren, selbständig nach dem weiteren Streckenverlauf
zu suchen – Paul ist dort jedenfalls gut rausgekommen. Dann
war ich an der Reihe – ab durch die Boxengasse und durch
einen (noch) normalen Single-Trail entlang eines Bahndammes zur
Zählstelle, um Pauls letzte Runde zu werten und dann weiter
in die Runde, die schon in der ersten Abfahrt mit nicht zu übersehenden
Spurrinnen aufwartete. Zu meinem Erstaunen lief aber selbst das
Bezwingen der steilen Anstiege recht gut und ich konnte nur von
kleineren Staus unterbrochen meine Runden fahren. Nach mir ging
Jan auf den Kurs. Obwohl die Stunde rum war, war es jedoch kein
geplanter Wechsel, als er wieder in die Box kam – er hatte
sich bei einem Sturz auf einem alten Gleis den Gasgriff völlig
zerstört und musste mit dem Bowdenzug in der Hand gasgebend
die Runde zu ende bringen. Somit saß nun mein Bruder Frank
im Sattel und wir kümmerten uns darum, für Jan einen
neuen Gasgriff zu besorgen, was zum Glück durch die Anwesenheit
zahlreicher Händler-Teams kein zu großes Problem darstellte
– plötzlich standen wir sogar mit zwei Gasgriffen da
– danke noch mal an dieser Stelle an KTM- Musch und Peter
Haertle von der Offroadschmiede in Berlin. Die 300er war also
ziemlich schnell wieder einsatzbereit, und Jan fuhr nach meinem
Bruder vor Einbruch der Dunkelheit noch mal raus. Für Paul
war’s jetzt an der Zeit, sich für die erste Nachtfahrt
zu rüsten – die roten Blinklichter an Mann und Maschine
mussten in Gang gebracht werden und die funzelige KTM- Biluxlampe
wurde gegen eine mit Halogenstrahlern bestückte Cross-Startnummerntafel
ausgetauscht. Auch die Huskys wurden nachtfein gemacht, was eigentlich
nicht mit größeren Umbauten verbunden ist, da der serienmäßige
H4-Scheinwerfer ausreichend Licht spendet. Leider kamen wir aufgrund
des teilweise steinigen Untergrundes auf die Idee, unsere Lampengläser
(besser Plaste) für die Tagfahrten am Samstag abzukleben,
was uns dann zwei geschmolzene Häufchen Elend bescherte.
Tja – wo jetzt auf die Schnelle Ersatz herbekommen …?
Selbstgeschnittene Abdeckungen aus Plastikflaschen hielten auch
ohne abgeklebt zu sein den Temperaturen der 55W-Lampen nicht stand.
Nach einigem suchen fand sich das geeignete Material – der
Deckel von Jans Nusskasten, der kurzerhand mit einem Cuttermesser
zu zwei Huskylampengläsern umfunktioniert und mit reichlich
Tape fixiert wurde.
Während der gesamten Nacht konnten wir unseren geplanten
stündlichen Wechselrhythmus einhalten und alles lief soweit
bestens. Leider setzte, als Jan gerade auf die Strecke ging, der
bereits angekündigte Regen ein, der den Kurs an vielen Stellen
noch anspruchsvoller bis unfahrbar machte – die Spurrinnen
wurden immer tiefer und man konnte den Grund teilweise schon nicht
mehr sehen. Die Bewältigung der Runde erinnerte speziell
in den Abfahrten eher an eine Paddeltour auf dem Motorrad als
an Endurofahren. Auch Auffahrten mussten in einer für uns
bis dato unbekannten Art und Weise bewältigt werden –
so hockte oder besser lag man mit nach hinten hängenden Beinen
und auf dem Boden schleifenden Knien eher wie ein Straßen-Rennsemmel-
Fahrer auf seinem Möp, da man sonst in den scheinbar bodenlosen
Rillen mit den Füßen zwischen seiner Maschine und unserem
Mutterplaneten eingeklemmt worden wäre, was mir bei einem
meiner Nacht-Turns auch prompt passierte und mir eine ordentliche
Brandblase an der Wade bescherte, da der Krümmer nach Murphys-
Law natürlich genau oberhalb meines Stiefels anlag. Immer
wieder kam es in den Nachtstunden auch zu Staus - in der Ausfahrt
aus der Boxengasse in dem bereits angesprochenen Single-Trail,
der sich mittlerweile so weit ausgefahren hatte, dass sich beim
durchqueren die Griffe nur noch 15 Zentimeter über dem eigentlichen
Bodenniveau befanden - an Auffahrten, an denen teilweise Zuschauer
mit anpackten, gescheiterten Fahrern zu helfen und speziell auch
an einer bestimmten Abfahrt, die von einigen im Nachhinein „liebevoll“
die Mörderabfahrt genannt wurde. Hier hatten sich an einer
sowieso schon sehr steilen Passage noch zusätzlich die schon
zu Beginn erwähnten Stufen eingefahren, so dass man Gefahr
lief, sich vorwärts zu überschlagen. Leider ging das
dann auch sehr vielen Fahrern so (wie auch einem Trial-Fahrer,
der vor mir, für seine Zunft eher untypisch, von seinem Möp
abstieg und versuchte, neben diesem herrutschend heil unten anzukommen),
denn diese Abfahrt wurde erst sehr spät in der Nacht aus
dem Streckenverlauf genommen – ich hoffe, die Verunfallten
haben’s ohne größere Verletzungen überstanden.
Es ging also unbeirrt weiter durch die Nacht – teilweise
wusste man schon nicht mehr, wo auf der Strecke man sich befindet,
da der Verlauf stetig geändert wurde – einige Fahrer
fanden sich zu ihrem Verdruss nach fast absolvierter Runde und
dem Durchfahren einer neuerlichen Umleitung sogar plötzlich
in der ersten Hälfte der Strecke wieder. So hatte jedes Team
und jeder Fahrer seine kleinen mehr oder weniger erfreulichen
und auch mehr oder weniger erschöpfenden Erlebnisse …
ganz allein da draußen.
Ein weiteres Highlight der Strecke war ein alter Bahndamm, an
dem man entweder rechts vorbei durch immer größer werdende
Bodenwellen (später dann Hügel und Täler) fahren
konnte, oder man kniff die Ar***backen zusammen und wagte sich
zwischen die Gleise auf die alten Eichenschwellen, welche durch
den nassen Schlamm natürlich sehr rutschig und durch etliche
fehlende Schwellen auch beinahe unberechenbar waren. Mit der Zeit
fuhr sich der Schotter in den Zwischenräumen heraus und es
entstanden Kanten, die gerade in den größeren Schwellenlücken
leicht die doppelte Höhe eines ausgewachsenen Bordsteins
erreichten. Hier galt es, einen kühlen Kopf zu bewahren,
sich auf seine Fahrtechnik zu konzentrieren und mit etwas Mut
und zugegebener Maßen auch unter Verdrängung der Ängste
um das Möp und vor allem die Felgen, den Blick geradeaus
gerichtet und ohne ruckartige Lenkbewegungen diese etwa 400 Meter
lange Passage hinter sich zu bringen. Gelang einem dies, konnte
man richtig viele Fahrer überholen, die sich für den
anderen Weg entschieden hatten. Meinem Bruder und mir gelang dies
mit fortschreitendem Rennen und am Sonntag Vormittag langsam abtrocknender
Strecke immer besser – von den unzähligen Runden, in
denen ich diesen Weg wählte, hat es mich nur einmal so versetzt,
dass sich meine Husky auf dem Gleis rutschend weiterbewegte, währen
ich in den Schotter des Gleisbettes einschlug – war aber
alles halb so wild, und ich konnte nach etwas anstrengender Bergung
des Möps meine Fahrt fortsetzen.
Während die Fahrer ihre Maschinen also weiter durch tiefe
Rillen schleiften oder die Abfahrten hinunter warfen, arbeiteten
die Helfer in den Boxen auf Hochtouren, um die völlig verschlammten
Maschinen mit Spachteln und einzeln heran geschleppten Wassereimern
bewaffnet vom gröbsten Baatz zu befreien. Unsere Boxen-Crew
hat dies ohne Probleme und mit einer hoch anzurechnenden Selbstverständlichkeit
gemeistert und uns obendrein auch noch mit warmem Essen und Getränken
versorgt – danke Jörg, Eckard und Micha – es
hat alles wirklich bestens geklappt, ohne dass es irgend welchen
Zwist oder Stress in sonstiger Form gab. Die Stimmung war durchweg
gut, wenn sie am Sonntag aufgrund der fortschreitenden Erschöpfung
auch etwas zu verblassen schien. Wie fertig jeder einzelne war,
ließ sich leicht an kleinen Ausfallerscheinungen ablesen,
so wäre Micha
in einem kurzen Moment der Ruhe beinahe einfach umgefallen –
er ist aber noch rechtzeitig aus seinem Sekunden-Steh-Schlaf aufgewacht.
Später versuchte er noch einen zusätzlichen Liter Motoröl
in Pauls KTM zu füllen, da er die Schauglasfarbe etwas missdeutete.
Ich versuchte, in meine bereits betankte Husky den Tankrüssel
noch mal reinzuhalten und mein Bruder saß schon zum Wechsel
bereit auf dem Möp, als er bemerkte, dass er seinen Brustpanzer
noch gar nicht angezogen hatte. Alles in allem waren das aber
nur Kleinigkeiten, die schnell behoben und aus der Welt geschafft
wurden und eigentlich auf belustigende Weise sogar noch zur Verbesserung
des Klimas in der Box beitrugen.
Als die Nacht dann ihrem Ende entgegen ging, war die Runde im
Vergleich zum Vortag durch die Sperrung vieler steiler Teilstücke
bereits ziemlich vereinfacht und stellte bis auf die verbliebenen
Spurrillen kaum noch hohe Ansprüche an das Fahrkönnen
eines Enduristen. Mit einsetzender Morgendämmerung wurde
es dann auch wieder lauter auf der Strecke, denn viele Teams hatten
es vorgezogen, die Nacht im warmen Zelt oder Wohnwagen zu verbringen
und sich die Strapazen bei den widrigen Bedingungen nicht anzutun.
Mächtig motiviert durch den häufigen Blick in die Linse
der Digi- Cam unserer Star-Fotografin Anne, die auch jetzt noch
in jeder Ecke der Runde anzutreffen war, um für super Andenken
zu sorgen, konnten wir weiter unsere Runden im gewohnten Rhythmus
abspulen und unsere Freude war riesig, als wir die morgendliche
Ansage der Platzierungen hörten und uns auf dem 25. Platz
wieder fanden. Wir rechneten allerdings fest damit, dass wir jetzt
bei Tageslicht und der stark vereinfachten Strecke keine Chance
haben würden, diese Platzierung gegen die teilweise ausgeruhten
Fahrer und jene, die sich eher auf Cross-Strecken wohl fühlen
und mit den jetzigen Bedingungen der mittlerweile abgetrockneten
Strecke bestens klar kommen sollten, auch nur zu halten. Offensichtlich
haben wir aber in der Nacht genug Runden eingefahren, dass dieser
Fall nicht eintreten konnte und wir hatten auch noch genug Power,
unser Tempo weiter zu forcieren und gegen den Druck der direkten
Verfolger anzukämpfen – nach 20 Stunden Renndauer waren
wir nämlich mit gleich drei weiteren Mannschaften in der
gleichen Runde unterwegs. Bei uns lief alles wie am Schnürchen
und wir beschlossen, durch eine Verlängerung der Fahreretappen
von einer Stunde auf 75 Minuten einen kompletten Wechsel einzusparen,
der ja schon allein durch den Umweg über die Boxengasse mindestens
zwei Minuten Zeit kostet. Allgemein erhöhte sich das Tempo
zusehens und das lag nicht allein an der leichteren Streckenführung
– man konnte das Adrenalin, dass jetzt in immer größeren
Mengen den Fahrern durch die Adern schoss, förmlich riechen.
Speziell in den letzten anderthalb Stunden sah das Rennen eher
nach Motocross als nach einem 24-Stunden-Enduro aus – die
Fahrer lieferten sich, Kopf an Kopf liegend, Zweikämpfe,
das Rundenquittieren per Transponder wurde nicht mehr mit der
Gelassenheit der zurückliegenden Stunden durchgeführt
sondern begann, immer hektischer zu werden – es wurde quasi
um jede Sekunde gekämpft. Wir feuerten, wie auch viele andere
Teams unseren Abschluss-Fahrer Jan auf seinen letzten Runden an
und fieberten mit. Ich war wieder genauso aufgeregt wie kurz vor
dem Start – „ … schafft er es noch vor dem ersten
Fahrer durch die Zählstelle und kann damit noch eine Runde
fahren, die unter Umständen einen Platz weiter vorn bedeuten
kann … schafft er es – reicht die Zeit … wenn
er diese Runde so fährt wie die letzten, müsste es klappen
… Jan, du packst das …“ Wir waren völlig
aufgedreht und aus dem Häuschen, als er tatsächlich
hinter dem Gebüsch am Bahndamm auftauchte – er flog
förmlich um die Kurve vor der Zählstelle und ging in
seine letzte Runde. Wir erwarteten ihn dann schon mit unserer
Teamfahne und waren mehr als nur Happy, als wir erfuhren, dass
es tatsächlich für den 18. Platz gereicht hat –
bei unserer ersten Teilnahme am Endurance Day in den Top-Twenty
– einfach nur geil und ein unbeschreibliches Gefühl.
Mein Bruder und ich sind dann nach erfolgter Siegerehrung und
währen die anderen im Team schon am Grill saßen noch
mal die Strecke abgegangen – ich kann nur sagen, dass wenn
ich den Bahndamm und die spezielle Abfahrt in diesem Zustand vorher
gesehen hätte, dann wäre ich wahrscheinlich immer durch
die Hügellandschaft neben der Schiene gefahren und hätte
an der Abfahrt auch etwas länger überlegen müssen
– wahrscheinlich wäre dann mein Leben vor dem Überqueren
der finalen Kante noch mal vor meinem geistigen Auge abgelaufen
… ;o) … garantiert aber wäre das Gefühl
mulmiger gewesen. Auf jeden Fall hatten wir die Strapazen der
vergangenen Nacht schnell vergessen und liefen eigentlich nur
noch grinsend durch die Gegend – einmal wegen der Freude
über die überraschend gute Platzierung und zum anderen
wegen des riesigen Spaßes, den wir während der gesamten
Veranstaltung hatten.
Am Abend fielen wir dann alle reichlich erschöpft nach dem
Genuss von Grillfleisch und nur zwei bis drei Flaschen Bier (
nach denen ich mich übrigens fühlte, als hätte
ich zehn getrunken ) in unsere Schlaflager – durchweg zufrieden
mit allem, was an diesem Pfingstwochenende passiert war.
Die Fahrer Paul Bräsel, Jan Joachimstaler, Frank und Dirk
Pasedag bedanken sich bei ihrem Team Jörg Bünzow, Eckard
Bräsel und Michael Kubik für die tadellose Unterstützung
am Rande der Belastbarkeit sowie bei Anne Heyer, die unentwegt
um den Kurs krakelte und für die genialen und gestochen scharfen
Momentaufnahmen sorgte.
Nicht zu vergessen geht der Dank des ganzen Teams auch an den
MC- Wolgast für die Unterstützung unseres Unternehmens
PROJEKT- 24.
Danke auch an Chacco und Matthias Richter für’s Anfeuern
und die eine oder andere helfende Hand.
Wir sind uns einig: „Es wird ein zweites Mal geben und zwar
nicht irgendwann sondern im nächsten Jahr!
Gruß Dirk Pasedag #175
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